
Autor: utemoehring
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Internationaler Frauentag 2025
GABO am 8. März 2025

Stadtrundgang Bonn
Die GABO Aktivist*innen informieren auf ihrem Stadtrundgang interessierte Bürger*innen über die Kampagne.

Stand im Frauenmuseum Bonn
Im Frauenmuseum verteilen wir Informations- und Aktionsmaterial. Viele Besucher*innen nehmen Postkarten und Flyer mit.
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Interview
Interview mit Dr. Gisela Burckhardt (FEMNET)

GABO: Was sind die wichtigsten Ziele Deiner Organisation? Wie arbeitet Ihr?Dr. Gisela Burckhardt: Ja, wir nennen uns FEMNET, feministisches Netzwerk, eine NGO, die bundesweit und vor allem zum Thema Bekleidung in der Textilproduktion arbeitet. Unseren Schwerpunkt haben wir in Asien, vor allem Indien und in Bangladesch, aber auch Indonesien, Pakistan und Myanmar – alles Länder, in denen unsere Kleidung hergestellt wird. Bangladesch ist der zweitgrößte Exporteur von Kleidung weltweit.
Dort unterstützen wir Partnerorganisationen, das sind Gewerkschaften oder auch Frauenrechtsorganisationen in ihrem Kampf für bessere Arbeitsbedingungen. Und das machen wir, indem wir deutsche Unternehmen oder europäische Unternehmen mit den Arbeitsrechtsverletzungen bei ihren Zulieferern konfrontieren. Damit ist unsere Arbeit auch sehr politisch, keine typische entwicklungspolitische Arbeit, sondern unser Ziel ist es, unsere Partner vor Ort so zu stärken, dass die ihre Rechte einklagen können. Es gibt einen Rechtshilfefonds, bei dem man zum Beispiel vor Ort Beschwerden einreichen kann. Und er ist auch recht erfolgreich, denn damit kann eine Arbeiterin Entschädigungen erhalten. Wir unterstützen dort zum Beispiel auch Projekte gegen geschlechtsspezifische Gewalt am Arbeitsplatz und Frauen und Gesundheit. Wir haben diverse kleinere Projekte, zum Beispiel eine App, die Arbeiterinnen bei Arbeitsrechtsverletzungen nutzen und dort Hilfe bekommen können. Das ist ein Überblick über unsere Auslandsarbeit.
Hier in Deutschland arbeiten wir daran, Bewusstsein zu schaffen, zum Beispiel bei der öffentlichen Beschaffung. Wir beraten Kommunen, auch die Stadt Bonn, wie sie „faire“ Kleidung einkaufen können. Wobei ich „fair“ immer in Anführungszeichen setze, weil es 100 Prozent faire Kleidung gar nicht gibt. Aber es gibt natürlich Produzent*innen, die sich auf den Weg machen und schon besser sind als andere, die gar nichts tun. Zum Beispiel hat das Amt für Stadtbegrünung daraufhin faire Dienstkleidung beschafft und die Bademeister der städtischen Bäder sind mit fairen T-Shirts und Shorts ausgestattet worden. Vor kurzem haben wir Bonn Orange und die Stadtwerke Bonn diesbezüglich beraten. Oberbürgermeisterin Dörner hat da offene Ohren.
Im Rahmen unserer allgemeinen Öffentlichkeitsarbeit haben wir für Bonn einen Einkaufsführer erstellt. Er ist jetzt schon in der fünften Auflage erschienen, wird auch von der Stadt mit unterstützt, und uns in der Regel nach Druck immer aus den Händen gerissen. Darin steht, inwiefern die einzelnen Händler/Läden „faire“ und ökologisch hergestellte Kleidung anbieten oder nicht, es werden also nicht nur die fairen Läden gelistet.
Um den Advocacy-Bereich bei FEMNET kümmere ich mich hauptsächlich: Gemeinsam mit dem Auslandsbereich versuchen wir, mit der Kampagne für Saubere Kleidung und auch mit dem CORA-Netzwerk für Unternehmensverantwortung auf politischer Ebene Einfluss auszuüben. Wir haben uns sehr stark eingesetzt für das Lieferkettengesetz in Deutschland und für das europäische Lieferkettengesetz.
GABO: Schön, dass ihr gute Erfahrungen mit der Oberbürgermeisterin habt, weil uns nämlich interessiert, wie ihr bei FEMNET die Stadtpolitik wahrnehmt. Ist sie für Frauenfragen offen, ist sie für feministische Fragen offen, ist sie für menschenrechtliche Fragen offen, wie erlebt ihr das?
Dr. Gisela Burckhardt: Ja, ich würde sagen, dass Katja Dörner auf jeden Fall für feministische Fragen offen ist. Sie hat mir unter anderem das Bundesverdienstkreuz übergeben. Bonn ist ja UN-Stadt und setzt sich für die Umsetzung der SDGs, der Sustainable Development Goals ein. Wir haben der Stadt zu verdanken, zum einen, dass sie unseren Einkaufsführer finanziell mitunterstützen haben und dann hatten wir im letzten Jahr eine Jahrespartnerschaft mit der Stadt Bonn. Das war das 15 Jahre FEMNET-Jubiläum und u.a. hatten wir eine sehr schöne Veranstaltung im alten Rathaus.
GABO: Was heißt Jahrespartnerschaft?
Dr. Gisela Burckhardt: Es bedeutet, dass das Wesentliche einer Organisation nach außen sichtbar ist – zum Beispiel, dass das Logo von FEMNET mit dem Stadtlogo mitverschickt wird, wenn die Stadtangestellten ihre E-Mails versenden. Dadurch wird man sichtbar für andere und natürlich hängt es dann von der Initiative derjenigen ab, die eine Jahrespartnerschaft haben. Man kann der Stadt alles Mögliche anbieten. Wir haben unter anderem eine größere Veranstaltung gemacht zum 15-jährigen Jubiläum von FEMNET und da haben wir den überarbeiteten Einkaufsführer vorgestellt. Da hat zum Beispiel auch das Fringe Ensemble vom Ballsaal eine eigene Kreation für uns entwickelt, das war ganz toll.
Es gibt die faire Woche im September, in der wir immer eine faire Modenschau, also eine Modenschau mit fairen Klamotten durchführen. Das läuft auch immer sehr gut, der rote Teppich ausgerollt und dann stellen die Mannequins – das sind in der Regel Mitarbeiterinnen der Geschäfte -ihre Kleidung vor. Da sind Kiss the Inuit dabei, Alma & Lovis und Maas Natur, das ist sehr, sehr schön. Diese Dinge machen wir auch mit der Stadt Bonn.
GABO: Gibt es Bedürfnisse oder Wünsche als Organisation FEMNET, die ihr darüber hinaus formulieren würdet in Bezug auf die Kommunalpolitik, auch wenn ihr schon eine gute Zusammenarbeit gestartet habt?
Dr. Gisela Burckhardt: Mit FEMNET funktioniert das eigentlich schon ganz gut. Als Privatperson hätte ich weitere Wünsche, zum Beispiel die Einführung eines Gender Budgeting in der Stadt. Damit würden Frauen stärker berücksichtigt, weil – das wissen wir alle – alles funktioniert über Geld. Es wäre außerdem wünschenswert, dass politische Ämter zur Hälfte mit Frauen besetzt werden. Dafür müsste man die Rahmenbedingungen etwas ändern, dass nämlich auch den Frauen, die Kinder haben, die Teilnahme ermöglicht wird. Also keine Abendsitzungen bis in die Nacht hinein, sondern Sitzungen entsprechend der Möglichkeiten der Frauen. Wichtig ist auch eine ausreichende Kita-Versorgung. Für die FEMNET-Mitarbeiterinnen ist das sehr wichtig. Das Gleiche gilt für Ganztagsschulen, so dass die Kinder betreut sind. Ich könnte mir auch einen Gleichstellungsaktionsplan vorstellen, der genau festlegt, welche Schritte die Stadt für die Gleichstellung unternimmt.
GABO: Wir streben an, feministische Gruppen in Bonn miteinander zu vernetzen, um einen Gleichstellungsausschuss auf den Weg zu bringen. Kannst du dir vorstellen, was sich für die Situation oder die Arbeit von FEMNET verändern würde?
Dr. Gisela Burckhardt: In dem Moment, in dem wir einen Gleichstellungsausschuss haben, hätte er eine Querschnittsaufgabe und das heißt, dieser Ausschuss müsste an allen Themen beteiligt werden, ob das nun bei der Stadtplanung oder beim Wohnungsbau ist, ob es um Kita-Plätze geht oder Schulen geht oder um Kultur. Überall müssten die Frauen-Aspekte stärker berücksichtigt werden. Ein Gleichstellungsausschuss würde feministische Initiativen stärker in die Stadtpolitik einbinden. Das Gender-Budgeting würde eine große Rolle spielen, weil man nur dann Umsetzungsmöglichkeiten hat, wenn man auch ein Budget hat.
GABO: Wie könnte ein Gleichstellungsausschuss eure Arbeit und eure Ziele unterstützen? Was sollte ein Gleichstellungsausschuss machen, damit eure Ziele erreicht werden?
Dr. Gisela Burckhardt: Ich könnte mir eine Unterstützung im Bildungsbereich vorstellen. Wir gehen ja auch an die Schulen. Da könnten wir als FEMNET dafür werben, dass die Lehrkräfte von uns eine Fortbildung bekommen, wie man faire, nachhaltige Produkte kaufen kann. Wir erreichen Kinder und Jugendliche hauptsächlich über interessierte Lehrkräfte. Von ihnen können die Schüler*innen lernen, was Nachhaltigkeit bedeutet und wo sie in Bonn diesbezüglich shoppen können.
GABO: Von wem wünschen Sie sich Unterstützung für den Gleichstellungsausschuss? Mit welchen anderen Organisationen sollten wir nach deiner Empfehlung sprechen?
Dr. Gisela Burckhardt: In Bonn kann ich mir schon einige feministisch orientierte Organisationen vorstellen: Südwind, Oro-Verde, das Frauenmuseum und noch einige mehr. Das gilt auch für kleinere, aktionistische Gruppen oder Bündnisse, die zu bestimmten Themen arbeiten oder Aktionen machen.
GABO: Das ist unsere nächste Frage: Wie können wir deiner Meinung nach die Vernetzung der Frauenorganisationen in Bonn verbessern? Hast du Ideen oder hat FEMNET Ideen?
Dr. Gisela Burckhardt: Das Beste, um sowas zusammenzukriegen, ist immer eine gemeinsame Veranstaltung oder eine gemeinsame Aktion zu machen. Dadurch entwickeln sich Perspektiven, die man noch gar nicht im Blick hatte. Aber man muss sich ein konkretes Ziel vornehmen, wie jetzt zum Beispiel den Gleichstellungsausschuss für Bonn. Ich habe im Bündnis für eine feministische Vertretung in der AG Wahlprüfsteine mitgemacht. In den Wahlprüfsteinen fordern wir, die Bürgerinnen noch einmal zu befragen, was sie eigentlich wollen. Ich mache das immer gern, wenn ich weiß, das führt zu einem klaren Ergebnis. Wir haben zu dritt daran gearbeitet. Wenn es um etwas Konkretes geht, dann mache ich das auch. Oder als es darum ging, beim Fest der Demokratie die Bürgerinnen noch einmal zu befragen „Was wollt ihr eigentlich?“ „Wie schätzt ihr die Politik hier ein?“ Da hat sich eine Riesenschlange von Bürger*innen beim Einlass zum BMZ wunderbar angeboten. Ich bin die Schlange entlang gegangen, habe die Leute befragt und Notizen gemacht. Danach haben wir alles ausgewertet. Der Einkaufsführer ist auch so eine Aktion gewesen: Wir sind durch die Geschäfte gelaufen und haben Kund*innen, Verkäufer*innen und Inhaber*innen befragt. Das hat Spaß gemacht. Jetzt nach 10 oder 15 Jahren zu sehen, zu hören und auch die Veränderung wahrzunehmen, zu merken, dass Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema geworden ist – das ist unglaublich.
GABO: Das ist ein sehr schönes und positives Schlusswort. Wir bedanken uns ganz herzlich für dieses Gespräch.
Gekürztes und genehmigtes Interview vom 19.12.2024
Das Interview führten Heidi Baumann und Hannah Cremer (GABO)


